Die KI-Rally am Nasdaq 100 hat seit dem lokalen Tief am 31. März 2026 um über 25 Prozent zugelegt und am 7. Mai mit 28.608 Punkten ein neues Allzeithoch erreicht. Getragen wird der Anstieg von kräftigen Quartalszahlen der großen Tech-Konzerne und steigenden KI-Investitionen der Hyperscaler. Gleichzeitig signalisieren technische Indikatoren wie ein 14-Tage-RSI von 82 eine deutlich überkaufte Marktphase, und prominente Fondsmanager warnen vor einer Bewertungsblase. Dieser Artikel ordnet die Zahlen, die Risiken und die nächsten Termine ein.

Wo der Nasdaq 100 heute steht

Der US-Technologieindex notiert nach dem Rekord vom Mittwoch leicht unter seinem Allzeithoch. Den entscheidenden Impuls lieferten am 6. Mai starke Quartalszahlen von AMD sowie Berichte über ein mögliches US-iranisches Friedensabkommen, die den Ölpreis um 7,8 Prozent auf 101,27 US-Dollar je Barrel drückten und die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von 4,43 auf 4,35 Prozent abrutschen ließen – ein Umfeld, das wachstumsstarke Tech-Titel mit langen Cashflow-Horizonten typischerweise begünstigt.

An jenem Tag schloss der Nasdaq 100 mit 1,70 Prozent im Plus bei 28.491 Punkten, das Handelsvolumen lag rund 15 Prozent über dem 20-Tage-Durchschnitt, und 160 Werte markierten neue 52-Wochen-Hochs. Der Volatilitätsindex VIX fiel auf 17,38, also weit unter Panikniveau. Der 14-Tage-RSI schloss bei 82,2 – historisch ein Bereich, in dem auf solche Niveaus häufig kurzfristige Konsolidierungen folgen. Der Index notiert komfortabel über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 27.606 Punkten und seinem 200-Tage-Durchschnitt von 25.864 Punkten.

Was die Rally fundamental trägt

Anders als 2021 ist der Anstieg nicht primär durch Liquidität getrieben, sondern durch Gewinne. Die kombinierte Wachstumsrate des S&P 500 für das erste Quartal 2026 stieg nach den jüngsten Berichten auf 27,1 Prozent – das stärkste Gewinnwachstum seit Ende 2021. Eine Woche zuvor hatten Analysten noch 15 Prozent erwartet.

Den Löwenanteil tragen die sieben größten Tech-Konzerne, die sogenannten Magnificent 7: Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla. Ihre Gewinnwachstumsprognose liegt inzwischen bei 61 Prozent, nachdem Ende März noch lediglich 22,4 Prozent erwartet worden waren. Allein Alphabet, Amazon und Meta erklären rund 71 Prozent des gesamten Anstiegs der S&P-500-Gewinnwachstumsrate. Alphabet übertraf die EPS-Schätzungen um mehr als 90 Prozent, Amazon um 70 Prozent, Meta um 56 Prozent.

Hinzu kommt ein außergewöhnliches Signal aus den Analystenrevisionen: Die Gewinnschätzungen für das zweite Quartal 2026 wurden im April um 2,1 Prozent angehoben. Im Schnitt der vergangenen 20 Jahre lag die erste Revision zu Quartalsbeginn bei minus 1,9 Prozent. Es ist die stärkste Aufwärtsrevision seit Q2 2021. Laut BlackRock Investment Research sind die geplanten KI-bezogenen Investitionsausgaben der großen Hyperscaler im Vergleich zum Oktober 2025 zudem um 25 Prozent gestiegen.

Die Warnsignale: Bewertungen, Konzentration, Capex-Risiko

Das fundamentale Bild relativiert die Crash-Sorgen, beendet sie aber nicht. Drei Gegenargumente sind belegbar.

Erstens die Bewertungen: Das Shiller-KGV des US-Marktes liegt über 40 und damit historisch sehr teuer. Der Buffett-Indikator, der die Marktkapitalisierung ins Verhältnis zum BIP setzt, notiert oberhalb von 200 Prozent. Solche Niveaus wurden in der Vergangenheit fast ausschließlich vor schmerzhaften Korrekturen erreicht.

Zweitens die Konzentration: Die Nasdaq-100-Bewegung hängt extrem stark an wenigen Schwergewichten. Dreht die Stimmung bei einem der Magnificent 7, kann aus einer breit erscheinenden Rally schnell ein selektiver Abverkauf werden. Goldman Sachs hat das Kursziel für Nvidia jüngst auf 250 US-Dollar angehoben (+20 Prozent gegenüber dem Stand vom 8. Mai bei rund 208 Dollar) – aber die Bank räumt selbst ein, dass die Erwartungen "haushoch" sind.

Drittens das Capex-Risiko: Nvidia hat für das Kalenderjahr 2026 KI-Infrastrukturausgaben von 300 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt, langfristig sieht das Unternehmen bis 2030 jährliche Investitionen von 3 bis 4 Billionen US-Dollar. OpenAI hat bereits Verträge über 1,4 Billionen US-Dollar für künftige KI-Infrastruktur geschlossen. Werden diese Kapazitäten tatsächlich gebraucht – oder entwerten neue Modelle und Effizienzgewinne (Stichwort: kleinere, domänenspezifische LLMs) die heutige Infrastruktur schneller als geplant? Das ist die zentrale offene Frage.

Was Experten konkret sagen

Fondsmanager André Stagge warnte bereits im Dezember 2025 mit dem Bild "der Kanarienvogel fällt von der Stange in der Kohlenmine" vor einem KI-Aktien-Crash 2026. Sein Hauptargument: Verzögerungen, Energiekosten und überzogene Abschreibungszyklen bei Chips könnten die Rechnung der Rechenzentren-Betreiber schneller verschieben, als der Markt einpreist. Er zieht Parallelen zur Dotcom-Ära.

Ali Masarwah, Geschäftsführer des Fondsdienstleisters Envestor, hält die US-Bewertungen für "sehr ambitioniert" und verweist darauf, dass der Nasdaq 100 in den vergangenen 15 Jahren jährlich rund 20 Prozent zugelegt hat – ein Tempo, das historisch kaum nachhaltig ist.

Morgan Stanley und mehrere von Reuters zitierte Analysten halten den Bullenmarkt zwar für "intakt", sehen aber eine temporäre Marktanpassung von 10 bis 15 Prozent für realistisch, sollte die Stimmung kippen. Star-Investor Michael Burry, der einen eigenen Newsletter gestartet hat, kritisiert offen die Bewertungen rund um Nvidia, Palantir und Oracle.

Der Stimmungstest: Nvidia-Zahlen am 20. Mai

Der nächste konkrete Datenpunkt ist der 20. Mai 2026. An diesem Tag legt Nvidia die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Erwartet werden rund 80 Milliarden US-Dollar Umsatz – Goldman Sachs liegt etwa zwei Milliarden über dem Konsens. Nvidia hat in den vergangenen 13 Quartalen jedes Mal die Umsatzprognose und in 12 von 13 Quartalen die Gewinnerwartung übertroffen. Die Messlatte liegt entsprechend hoch. Entscheidend ist nicht nur die Zahl, sondern der Ausblick auf die Nachfrage nach KI-Chips für 2027 und insbesondere für agentische KI-Workloads.

DAX und Nasdaq: zwei Welten

Während der Nasdaq 100 in eine reife Rally-Phase eintritt, läuft der DAX in die andere Richtung. Geopolitische Risiken rund um Iran und die Straße von Hormus belasten den deutschen Leitindex, einzelne Schwergewichte wie SAP liegen seit Jahresbeginn rund 30 Prozent im Minus und sind damit Schlusslicht im DAX 2026. Profiteur des US-Halbleitertrends ist hierzulande vor allem Infineon. Der DAX hat zwar im Januar 2026 ein Allzeithoch markiert, bewegt sich seitdem aber überwiegend seitwärts bis korrektiv – ein Bild, das wenig mit der KI-Euphorie an der Wall Street zu tun hat.

Was Anleger jetzt beobachten sollten

Drei Faktoren werden in den kommenden Wochen den Takt vorgeben: erstens die Nvidia-Zahlen und der Ausblick am 20. Mai, zweitens die nächste Fed-Sitzung und die Bond-Renditen, drittens die geopolitische Lage im Nahen Osten und ihre Auswirkungen auf den Ölpreis. Solange der Nasdaq 100 oberhalb seines 50-Tage-Durchschnitts bei 27.606 Punkten notiert, ist der Aufwärtstrend technisch intakt. Ein Bruch dieser Marke wäre das erste belastbare Warnsignal.

Häufige Fragen

Steht die Nasdaq 100 vor einem Crash? Aktuell sprechen die Earnings-Daten gegen einen unmittelbaren Crash, die hohen Bewertungen (Shiller-KGV >40, Buffett-Indikator >200 %) und der RSI über 80 erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit einer kurzfristigen Korrektur. Mehrere Häuser halten Rücksetzer von 10 bis 15 Prozent für realistisch.

Wann legt Nvidia die nächsten Quartalszahlen vor? Am 20. Mai 2026 nach US-Börsenschluss. Erwartet werden rund 80 Milliarden US-Dollar Umsatz für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027.

Was sind die Magnificent 7? Die sieben US-Tech-Schwergewichte Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla, die rund 71 Prozent des aktuellen Gewinnwachstums im S&P 500 tragen.

Wie hoch ist das Shiller-KGV im Mai 2026? Der zyklisch bereinigte CAPE-Wert (Cyclically Adjusted Price Earnings) für den US-Markt liegt über 40 – historisch ein sehr hohes Niveau, vergleichbar mit den Jahren 1999 und 2021.

Welche Rolle spielt der Iran-Konflikt? Eine Waffenruhe und die Aussicht auf ein Friedensabkommen haben den Ölpreis um 7,8 Prozent fallen lassen und die Anleiherenditen gedrückt – beides stützt aktuell die Tech-Bewertungen.

Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und Einordnung der Marktlage. Er ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Quellen: Nasdaq, XTB, BlackRock Investment Research, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Reuters, finanzmarktwelt.de, finanzen.net, Morningstar. Kursdaten Stand 8. Mai 2026.